Von Inge Schleining
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Sporke.
Als „Alptraum“ bezeichnet es die eine Seite, als „normales Jagdgeschehen“ die andere. Die Kirchhundemerin Juliane Kouril schilderte dem Sauerlandkurier einen Vorfall, der sich bei ihrem Sonntagsspaziergang ereignete, der Leiter des Hegerings Bilstein, Thomas Demmerling, und der Vorsitzende der Kreisjägerschaft, Karl-Josef Fischer, nahmen dazu Stellung.
Juliane Kouril unternahm mit ihrer Mutter und ihrer Schwester am vergangenen Sonntag einen Spaziergang in Sporke. „Kurz bevor wir uns auf dem Rückweg zu unserem Auto befanden, hörten wir aus dem uns gegenüber liegendem Waldhang lautes Rufen. Dort sahen wir dann zwei mit grün-/orangefarbener Kleidung versehene Personen, die immer wieder den Namen eines Hundes riefen. Ich sagte noch zu meiner Schwester: ,Hoffentlich begegnen wir diesem entlaufenen Hund nicht‘, als plötzlich wie aus dem Nichts vor uns ein Deutsch-Drahthaar mit orangefarbener Warnweste auftauchte, der vor unseren Augen ein Reh hetzte. Das Reh suchte Schutz in einer Tannenschonung, die von einem hohen Maschendrahtzaun umgeben war. Doch durch den hohen Zaun und den vielen Schnee konnte das Tier dem Hund nicht entkommen. Vor unseren Augen bekam der Hund das Reh zu fassen und verbiss sich in der Hinterhand des fürchterlich schreienden Rehs. Meine Schwester versuchte, durch den Zaun den Jagdhund an der Rute zu fassen, aber der Hund befand sich in einem derartigen Blutrausch, dass es unmöglich war, das Reh zu retten. Mittlerweile klaffte an der Hinterhand des Rehs eine riesige Wunde und das Reh schrie immer wieder jämmerlich um sein Leben. Plötzlich näherten sich uns zwei grün-/orangefarben gekleidete Männer mit Gewehr über dem Arm. Sofort war uns klar, dass dies die Personen waren, die nach dem Hund gerufen und der Jagdhund zu ihnen gehörte. Nach einem kurzen Wortgefecht versuchten die Männer, den Hund vom Reh zu trennen. Dies gelang und der Jagdhund verschwand direkt wieder im Wald, ohne von den Jägern angeleint oder für einen weiteren Jagdversuch zurückgehalten zu werden. Dem Reh wurde dann vor unseren Augen auf Grund seiner furchtbaren Verletzungen die Kehle durchgeschnitten und diesem Leid endlich ein Ende gesetzt. In einem weiteren Gespräch mit den Jägern (?) erklärte man uns, dass diese Situation zum normalen Jagdgeschehen dazugehöre.“ Für die Spaziergänger ein dramatisches Erlebnis, das verschiedene Fragen aufwirft. So zum Beispiel, wie am hellichten Tag auf einem für Spaziergänger beliebten Gelände ohne Absperrung oder Warnschilder gejagt werden kann. Thomas Demmerling, Leiter des Hegerings Bilstein, erläutert im Gespräch mit dem Sauerlandkurier: „Eine Verpflichtung, das Gelände abzusperren oder vor der Jagd zu warnen, gibt es nicht. Man kann nicht jedes Mal den Wald sperren, wenn ein Jäger auf dem Hochsitz ist. Die Jäger haben nicht gegen das Gesetz verstoßen.“
„Bei Treibjagden sperren wir das Gebiet ab und stellen Warnschilder auf, auch dazu gibt es keine Verpflichtung. Es hält sich aber niemand an die Schilder.“ So gebe es trotz Absperrungen immer wieder Spaziergänger, die sich in Gefahr bringen.
Die betroffenen Jäger waren in Sporke auf der Wildschweinjagd. Die Wildschweine seien in eine Schonung gelaufen, der Hund sollte sie aufspüren. Dieser, ein gut ausgebildeter Jagdhund, der alle Prüfungen bestanden hat, habe aber dann das Reh verfolgt. „Ein Vorgang, der immer wieder passieren kann“, so Demmerling. Der Hund laufe meistens mehrere Meter voraus – ohne Leine, denn bei der Jagd könne ein Hund nicht angeleint werden. Wenn der Hund sich zu weit entfernt, könne es sein, dass er die Rufe der Jäger nicht mehr hört.
Hier im Sauerland gebe es zudem viele Gatter und Zäune, beispielsweise bei Weihnachtsbaumschonungen – hier sei das Reh hineingeraten. Demmerling betont: „Die Jäger haben nicht gegen das Gesetz verstoßen, sie haben nichts Illegales getan. So etwas kann immer wieder passieren.“
Auch Karl-Josef Fischer, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Olpe, bestätigt auf Nachfrage des Sauerlandkuriers, die Jäger hätten gegen kein Gesetz verstoßen. Ein normaler Jagdhund könne ein Reh nicht fangen, durch den Maschendrahtzaun konnte das Reh aber nicht entkommen.
In der jagdlichen Ausbildung würden die Hunde darauf traniert, Rehe zu verfolgen und auch zu packen. Dann nämlich, wenn ein Tier durch einen Wildunfall verletzt wird und gefunden werden muss, um von seinem Leiden erlöst zu werden. „Die Jäger haben absolut korrekt gehandelt, sind zum Tier gelaufen und haben das Reh erlöst, nicht indem sie ihm die Kehle durchgeschnitten haben, sondern durch einen gezielten Stich ins Herz, wie es auch bei verunfalltem Wild geschieht“, so Fischer.
Für die drei Spaziergängerinnen war es dennoch ein schreckliches Erlebnis: „Für uns wurde der Sonntagsspaziergang auf diese Weise zu einem Alptraum und bis heute können wir den Anblick des sich im Todeskampf befindlichen Rehs nicht vergessen. Es ist traurig, so etwas von ,zu Jägern ausgebildeten Personen und deren Hund‘ mit ansehen zu müssen.“ Fotolia 76635174 Subscription Monthly Mkl(Symbolfoto: fotolia)